Hallo allerseits,
dann werde ich meinem Facebook-Zweizeiler nochmal eine etwas ausführlichere Betrachtung nachschieben - von mir bekommt "Insidious" eine glatte Vier. Ich rechne es den "Saw"-Begründern Wan und Whannell durchaus an, daß sie mit diesem Horrorfilm etwas anderes machen wollten, als dem aktuellen Torture-Porn-Trend noch eins draufzusetzen, doch der Wille allein macht noch keinen guten Film aus. Während "Insidious" stellenweise durchaus Atmosphäre zu erzeugen vermag, verläßt er sich an anderen Stellen viel zu sehr auf uralte Horrofilmklischees, langweilt in der ersten halben Stunde erheblich und mißachtet auch oft den Film-Grundsatz "show, not tell".
Eine Weile lang habe ich gehofft, "Insidious" könnte mein derzeit meistgehaßtes Horror-Stilmittel, das akustische Ausrufezeichen - also die Erzeugung von Schock und Spannung allein durch den Soundtrack, nicht durch tatsächliche Ereignisse - endlich mal wieder auf Sparflamme kochen lassen. Tatsächlich war zu Anfang kaum eine Szene mit einem Überraschungsmoment mit dieser Kreativ-Bankrotterklärung versehen, so daß die Atmosphäre sich auf natürliche Weise steigern konnte. Doch leider werden die Geigen-, Klavier- und Geräuscheffekte mit fortlaufender Filmdauer immer zahlreicher und nervtötender, so daß der Showdown nur noch mit Kakophonie passend bezeichnet werden kann. Fast scheint es, als sei den Verantwortlichen das Vertrauen in Handlung und Darstellung verloren gegangen.
Das wäre allerdings auch nicht völlig unverständlich, denn wie viele übernatürliche Thriller wird auch "Insidious" immer unglaubwürdiger, je mehr enthüllt wird. Mehr noch als die im Horror-Genre immer noch akzeptable Grundidee hinter der Handlung irritiert jedoch die Art und Weise, wie die Geheimnisse dem Zuschauer enthüllt werden. Drehbuchautor Whannell (der auch als einer der "Ghostbusters" vor der Kamera zu sehen ist) läßt diese nämlich fast ausschließlich von Nebenfiguren der Handlung erzählen, wobei diese sich keine große Mühe geben, ihre Gegenüber vom Wahrheitsgehalt ihrer Behauptungen zu überzeugen, zumal diese bei weitem nicht so zwangsläufig aus dem bis dato Erlebten folgen wie die Monologe dies nahelegen wollen. Doch der einzige Moment, in dem Patrick Wilsons Josh den Zweifler gibt, geschieht ausgerechnet unter dem Eindruck einer eindeutig übernatürlichen Attacke und ist nur von kurzer Dauer (wobei sein Moment der Erkenntnis mit den Zeichnungen seines Sohnes fast noch absurder ist).
Vor allem aber wird der Zuschauer auf diesem Weg zum Akzeptieren des Unmöglichen nicht mitgenommen; nicht ohne Grund gab es während der länglichen, todernsten Erklärungen vor allem des Mediums Elise mehrfach Gelächter aus dem Publikum. Diese unfreiwillig komischen Momente stehlen der Nerd-Komik der beiden jungen Assistenten von Elise immer wieder die Show; ohnehin wirken die Eifersüchteleien der beiden Ghostbuster-Wannabes im Kontext merkwürdig deplaziert, versucht doch gleichzeitig ein verzweifeltes Elternpaar, ihren Sohn zu retten.
Auch wird mit zunehmender Dauer des Films deutlich, daß das Budget der Produktion eine optisch adäquate Bebilderung der übernatürlichen Bedrohung offenbar nicht zuließ. Bis zum Showdown wiederholt der Film schier endlos dieselben Muster aus Schattenspielen, nur für Sekundenbuchteilen zu sehenden Geistern und Monstern und größtenteils off-camera stattfindenden Verwüstungen; erst dann wird in die dämonische Nebenwelt der Geschichte hinübergewechselt, die dann aber auch wenig mehr als ein paar Licht-und-Schatten-Tricks, bizarres Makeup und vor allem viel Nebel zu bieten hat. Wer hier noch aufpaßt, dem wird dann auch nicht entgehen, daß der Film mit viel Nebel, hektischen Schnitten und der schon oben erwähnten Kakophonie auf der Soundtrackspur davon abzulenken versucht, daß außer Herumgerenne eigentlich gar nichts passiert und ein Showdown im Wortsinne überhaupt nicht stattfindet. Ob dies am Budget oder am mangelnden Einfallsreichtum des Autoren liegt, läßt sich im Endeffekt nicht feststellen; zusammen mit der Verwendung eines der ältesten Horrorfilmklischees als vermeintliche Überraschung am Schluß (die bereits eine halbe Stunde vorher die Spatzen von den Dächern pfeifen) bleibt der Eindruck eines Horrorfilms, der sich immer mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zufrieden gibt und auf Kreativität keinen Wert legt - daher also nur ein "ausreichend" von mir.
Gruß
Kasi Mir
P.S.: Rafael, "Carrie" basiert auf einem Roman von Stephen King.
