Hallo allerseits,
emma hat geschrieben:Frau Stewart muss ich jetzt wirklich mal in Schutz nehmen: sie ist eben nicht die klassische Hollywood Schönheit, viel zu sperrig, weshalb ich mich darüber wundere, dass ausgerechnet sie gecastet wurde.
Das wundert mich deutlich weniger, natürlich auch wegen ihres "Twilight"-Bekanntheitsgrades, der sicherlich eine wesentliche Rolle gespielt hat. Allerdings erforderte die Lesart der Rolle zumindest eine junge Schauspielerin, bei der nicht sofort alle "Zuckerpüppchen" oder "Damsel in Distress" denken, und da gibt es in der Alterskategorie von Frau Stewart (Jahrgang '90) in Hollywood nicht sooo viele namhafte, vor allem bevor Jennifer Lawrence auf der Bildfläche erschien. Ellen Page wäre noch eine Möglichkeit gewesen.
emma hat geschrieben:ABER - ich glaube kaum, dass sie irgendwas anderes spielen kann, als die kleine, ernsthafte humorlose Zicke. Die kann sie gut, was sie aber nicht unbedingt zu einer guten Schauspielerin macht.
"Zicke" würde ich es nicht unbedingt nennen, aber sie ist schon eher auf verschlossene, wenig nahbare Rollen abonniert und neigt von ihrer Art der Darstellung auch eher zum (in Ermangelung eines besseren Wortes) "Underacting". Wobei ich einschränkend sagen muß, daß ich nur elf(*) ihrer bisher immerhin schon 23 Filme kenne. Wenn man die "Twilight"-Reihe davon abzieht (in der eigentlich nur Billy Burke brauchbar schauspielert), dann weicht sie eigentlich nur in "Adventureland" und "The Runaways" wenigstens ein bißchen von der Normalform ab. In "Snow White" allerdings fällt das meiner Ansicht nach nicht so sehr auf, weil Charakterdarstellung ohnehin nicht im Mittelpunkt dieses fahrigen Stilgewitters steht.
Mich hat an "Snow White" erst einmal das sehr schwache Drehbuch überrascht; dafür, daß da die Autoren von u.a. "A Perfect World" und "The Wings of the Dove" (für Kenner: "Jude"; neuer: "The Blind Side" und "Drive") dran gearbeitet haben, ist es so schlecht, daß man sich fast fragt, ob das Skript vielleicht wahllos aus mehreren Versionen verschiedener Einzelautoren zusammengetackert worden ist. So wenig erkennbare Linie findet man sonst nur in Werken, die am Schneidetisch kaputtrepariert wurden (der 1998er-"Avengers"-Film mit Schirm, Charme und Teddybären ist so ein Beispiel). Der Film gibt keiner seiner Haupt- und Nebenfiguren einen brauchbaren Handlungsbogen; Ravenna oszilliert manisch-depressiv immer zwischen Evil Bitch und Selbstmordkandidatin, Schneewittchen ist nach fast einem Jahrzehnt bei Wasser und Brot im Knast besser in Form als die gesamte Armee der Königin, rennt aber auch nur von A nach B. Der Jäger rennt nur wenig hilfreich hinter ihr her und wird mit zunehmender Filmdauer immer nutzloser, obwohl er doch so etwas wie ihr Mentor sein soll (ihr Kampftalent hat sie wahrscheinlich auch im Jenseits trainiert, denn eine 30-Sekunden-Lektion ihres "Beschützers" kann es ja wohl nicht gewesen sein). Ganz schlimm dran ist der Prinz, den man auch komplett aus dem Film hätte herausschneiden können, so wenig zu tun gibt es für den liebeskranken "Green Arrow"-"Hawkeye"-Verschnitt. Und die acht(!) Zwerge sind eine wahre Verschwendung von erstklassigen Schauspielern, haben die doch zusammen keine zehn Minuten Screentime.
Schade ist das umso mehr, weil "Snow White and the Huntsman" durchaus visuelles Flair versprüht. So war ich bei einem Film, der zumindest von der Presse der "Twilight"-Fangemeinde als Next Big Thing angedichtet wird, überrascht, wie sehr es sowohl bei der Action als auch beim Grusel- und Ekelfaktor zur Sache geht. Natürlich ist das weder "John Rambo" noch "House of 1000 Corpses", doch Regieneuling Rupert Sanders traut sich da durchaus was. Auch wenn sehr vieles davon von erfahreneren Kollegen schamlos zusammengeklaut ist, visuell ergibt sich zwar ein recht eigenwilliger, aber meiner Ansicht nach auch in seinen Gegensätzen durchaus in sich stimmiger Stil. Gut geklaut ist eben manchmal doch halb gewonnen.
Auch hier - gerade bei den ins Gruselige gehenden Elementen - steckt allerdings leider zumeist keine storytechnische Substanz dahinter (siehe z.B. der Gruselwald, der offenbar nur Schall und Rauch - und Halluzinationen - ist). Die Kampfszenen des Films sind zwar schön (und erfreulicherweise unverwackelt) dargestellt, doch gerade die zentralen Konfrontationen des Films wirken dann etwas gehetzt und erwecken nicht den Eindruck von Höhepunkten. Dazu kommt noch eine gelegentlich unfreiwillig komisch wirkende Gestelztheit sowohl in manchen Dialogen als auch in den Erzählungen aus dem Off (der erste ungewollte Lacher ist ja bereits die Dauer des Werbens von Schneewittchens Vater um Ravenna...). Aber ehrlich gesagt, haben die ersten beiden Narnia-Filme (den dritten kenne ich nicht) die gleichen Probleme in viel größerem Umfang, insofern ist das hier schon Jammern auf hörerem Niveau.
Insofern lasse ich mich von der Optik zumindest insoweit überzeugen, daß ich dem Film insgesamt eine Drei gebe; die bei Erfolg umvermeidliche Fortsetzung (an der bereits gearbeitet wird) hat auf jeden Fall Potential nach oben - wenn man Drehbuchautoren findet, die sich eine (dann zwangsweise ohne Märchenvorlage konzipierte) brauchbare Geschichte einfallen lassen.
Gruß
Kasi Mir
[*] Full Disclosure: "Panic Room", "Catch that Kid", "Zathura", "Jumper", die vier "Twilights", "The Runaways", "Adventureland" und "Snow White and the Huntsman" natürlich.
